Anton Smarzly (1920-2000)
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Anton Smarzly wurde als ältestes Kind von Johann II. Smarzly und Hedwig geb. Moritz, inmitten der Wirren der oberschlesischen Abstimmungskämpfe, am Dienstag 25. Mai 1920 in Reitersdorf geboren. Am Sonntag Trinitatis, den 30. Mai 1920, wurde Anton Smarsly in der Pfarrkirche in Kerpen, im Beisein seiner Tante und Taufpatin Albine Moritz, vom Pfarrer Paul Heyduck katholisch getauft.
Mit seinen Geschwistern, dem zwei Jahre jüngeren Franz und der vier Jahre jüngeren Anna, verbrachte er eine behütete Kindheit im beschaulichen Reitersdorf.
Am 13. April 1926 begann der knapp sechsjährige Junge den Besuch der Volksschule in Körnitz, die er am 28. März 1934 abgeschlossen hatte. Die besonderen Stärken des Schülers Anton Zmarsly lagen den Einträgen ins Klassenbuch zufolge, neben einem gutem Betragen vor allem in den Fächern Religion, Erdkunde, Gesang und Turnen, während das Rechnen, die Raumlehre sowie das Schreiben, wo er mit „genügend“ (ausreichend) benotet wurde, offenbar nicht ganz zu seinen Lieblingsfächern gehörten. Den kath. Religionsunterricht erhielt der Schüler in Kerpen, wohin Reitersdorf bis 1945 eingepfarrt war.
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Anton und seine Geschwister Franz und Anna
bei einem Schulausflug der Körnitzer Volksschule
auf die Bischofskoppe,
hier an der Oberschlesierbaude um 1931.
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Nach der Beendigung der Volksschule erhielt er eine Schlosserlehre im Oberglogauer „Maschinenschlosserbetrieb Bialek“ in der Rosenstrasse, die der Jüngling am 01. November 1937 erfolgreich abgeschlossen hatte. Nach der Berufsausbildung leistete er die unter der national-sozialistischen Regierung bestehende sechsmonatige allgemeine Arbeitsdienstpflicht ab. Bereits am 20. Oktober 1938 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, um seine Wehrpflicht abzuleisten.
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Obergefreiter Anton Smarzly
(hier bereits ausgezeichnet mit der Medalie "Winterschlacht im Osten 1941/42")
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Anton war noch kein ganzes Jahr Wehrpflichtiger der I. Artillerie-Abteilung des Regiments 44 in Neisse stationiert, als am 01. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach. Es war für ihn der Anfang einer achtjährigen Odyssee durch halb Europa, bis an die Ränder Asiens. Zum Anfang des Krieges wurde Antons Regiment, welches der 8. Infanterie-Division unterstellt war, in Südpolen eingesetzt. Nach dem schnellen Sieg der Wehrmacht über die Polen, ging es in den Westen. Zeitweise wurde er bei Familie Hauser in Rondorf/Köln einquartiert, wo Anton mit Martin Hauser eine Freundschaft schloss, die den Krieg überdauern sollte. Über die Eifel, wo man den Winter 1939/40 verbrachte, gelangte Anton im Mai des Jahres 1940 nach Belgien und ein Monat später betrat er, wie sein Vater Johann II. zweiundzwanzig- und sein Großvater Johann I. siebzig Jahre zuvor, französischen Boden. Seine Division lag bis April 1941 in der Gegend von Rouen.
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Anton mit seinen Kriegskameraden in Frankreich
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Im Mai 1941 wurde die Division nach Ostpreußen verlegt, um im Juli 1941, nach Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion, im Eiltempo gegen Moskau vorzumarschieren. Später sollte sich Anton erinnern die Zwiebeltürme der Moskauer Cerkwien (Kirchen) bereits erblickt zu haben, als seine Division im November und Dezember 1941 bei Moshaisk vor Moskau stand. Fehlende Verstärkungstruppen und fehlender Nachschub erlaubten es der Wehrmacht nicht, Moskau einzunehmen. Anton Smarzly wurde als Anerkennung für Bewährung in diesen Kämpfen die Winterschlachtmedaille, die sog. „Ostmedaille 1941/42“ verliehen. Die 8. Infanterie-Division wurde im Dezember 1942 wieder nach Frankreich verlegt und hier zur 8. Leicht-Infanterie-Division umformiert. Antons 44. Artillerieregiment ging im 8. Artillerieregiment auf, was den Oberschlesier nicht stören sollte, bis zum Ende des Krieges und bei späteren Erzählungen aus alter Gewohnheit von „seinem Regiment 44“ zu erzählen. Nach nur drei Monaten ging es wieder in den Osten, zum Entsatz des rund 100.000 Mann und sechs Infanteriedivisionen zählenden II. Armeekorps, welches am 08. Februar 1942 auf einem 3.000 Quadratkilometer großen Gelände von sowjetischen Armeen eingeschlossen worden war.Vor allem die Anfangs des Jahres aus Frankreich neu herangeführten schlesische und württembergische Jägerdivisionen galten als kampferfahren. Antons 8. Leicht-Infanterie-Division wurde hier in die 8. Jägerdivision umformiert, der Obergefreiter Smarzly blieb Artillerist der 10. Batterie, im 8. Artillerieregiment. Im tiefsten Russland, südlich des Illmensees, begann nun die mit Dauer von zwölfeinhalb Monaten längste Kesselschlacht des Ostkrieges. Sie ging unter dem Namen „Kesselschlacht von Demjansk“, als eine der strategisch bedeutendsten Kesselschlachten in die Geschichtsbücher des Zweiten Weltkrieges ein und sollte sich vor allem in Erinnerung unseres Vorfahren unauslöschlich einbrennen. Am 21. März 1942 donnerten auf einer Frontbreite von rund zehn Kilometern die Kanonen des X. Armeekorps unter General von Seydlitz-Kurzbach, das im Schwerpunkt der Angriffe aus der schlesischen 8. und der württembergischen 5. Jägerdivision und auf den Flanken aus der 329. und der 122. Infanteriedivision bestand.
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Anton (links) in Rußland.
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Unter dem Namen „Unternehmen Brückenschlag“ begann nach dem Vorbereitungsschlag der Artillerie ein gnadenloser Kampf um einen Korridor zu brechen, der das in vierzig Kilometer Entfernung eingeschlossene II. Armeekorps wieder mit der Hauptfront verbinden sollte. Bei dichtem Schnee, 30 Grad Minus am Tage, eisigen Frühjahrsstürmen in den Nächten und nach der Schnee- und Eisschmelze im April bis zum Bauch durch eiskalte Moraste und Sümpfe im kniehohen Tauwasser watend, kämpften sich die Männer der vier Entsatzdivisionen vor. Alles was Gewicht hatte versank im Sumpf. Für die schweren Kanonen und Maschinengewehre mussten die in klitschnassen Uniformen steckenden Soldaten Unterlagen aus Baumästen und Sträuchern bauen, damit diese nicht im Schlamm versanken. Endlich, am 21. April 1942 brachen die Entsatzdivisionen durch die sowjetischen Linien zu den eingeschlossenen Kameraden durch. Nun begann unter ständigen Angriffen der Sowjets, die vor allem die das Zentrum des Korridors haltende schlesische 8. Jägerdivision unter Druck hielten, der zehn Monate andauernde geordnete Rückzug der befreiten Divisionen. Die Räumung des Kessels dauerte bis 20. Februar 1943 an. Mit Beginn des Monats März 1943 stand die 16. Armee, der auch die 8. Jägerdivision zugeordnet war, in einer neuen und festgefügten Front von Cholm über Staraja Russa bis nach Nowgorod am Ilmensee. Die Sowjets versuchten zwar immer wieder diese Hauptkampflinie einzudrücken, wurden aber in fünf gewaltigen und blutigen Schlachten jedes Mal abgewiesen. Am 12. Mai 1943 wurde der Obergefreiter Anton Smarsly mit dem „Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern“ und im gleichen Jahr auch mit der Kampfauszeichnung für Teilnehmer an den Kämpfen um Demjansk, dem „Demjansk-Schild“, ausgezeichnet.
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Antons Bruder Franz (in der Mitte) während des Krieges.
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Während die deutsche Armee hier im Norden von Moskau einen Erfolg verbuchen konnte, wurde in gleicher Zeit der Ausgang des Krieges im Süden, in der für die Russen siegreichen Schlacht von Stalingrad, im Februar 1943 entschieden. Ein Jahr nach der Schlacht von Demjansk begannen sich die deutschen Armeen aus der Gegen von Novogorod zurückzuziehen. Während des Rückzugs wurde Anton bei einem Tieffliegerangriff leicht am Rücken verwundet. Den Sommer 1944 über lag die 8. Jägerdivision in der Südukraine in den Karpaten, im Oktober zog man sich weiter in den Westen nach Nordungarn bis in die Slowakei zurück. Beim Rückmarsch von Rumänien nach Ungarn zog sich Anton eine schwere Erkältung zu und lag zwei Wochen lang im Feldlager-Lazarett Lossoncz mit einer Halsentzündung. Aus Ungarn stammt auch eine etwas heiterere Geschichte aus dem Drama des Krieges, als eines Tages Anton befohlen wurde sich auf die Suche nach einigen Kameraden zu begeben, die in einem der nahen Dörfer verschwunden waren. Anton war bekannt, dass die ungarische Bevölkerung trotz Krieg, den Wehrmachtssoldaten gegenüber nicht feindlich gesonnen war. Deswegen nahm er ein Fahrrad und begab sich alleine in eines der Dörfer, auf die Suche nach den Kameraden. Wie er vermutet hatte, fand er die gesuchten Soldaten inmitten riesiger Weinfässer in einem Weinkeller sitzend, wo diese mit einheimischen Winzern Karten spielten und die Weinernte vom vergangenen Herbst kosteten. Bevor Anton die Kameraden zum Regiment zurückbringen konnte, ließ auch er sich überreden, einige Tropfen des hervorragenden Tokay zu probieren. Ende Januar 1945 ging der Rückzug der 8. Jägerdivision durch die Slowakei und Mähren weiter Richtung der Heimat. Schon die heimische Luft atmend und nur wenige Tage vor dem Ende des Krieges, fiel das 8. Artillerieregiment Anfang Mai 1945 in Gefangenschaft sowjetischer Truppen. Der auch mit dem „Eisernen Kreuz II. Klasse“ ausgezeichnete nunmehr Stabsgefreiter Anton Smarzly wurde in einem Viehwaggon erneut in die Tiefe des russischen Reiches abtransportiert.
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Obergefreiter Anton Smarzly
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Zwei Jahre sollte er die Qualen der Kriegsgefangenschaft in einem Lager unweit der ukrainischen Stadt Stalino im Donezkbecken ertragen. Zwar hatten die sowjetischen Wachtrupps Antons Erzählungen zufolge Respekt, ja sogar Ehrfurcht vor den disziplinierten deutschen Kriegsgefangenen, mit denen sie manchmal sogar Handel trieben, doch war die Kriegsgefangenschaft die Hölle. Vor allem bittere Kälte, schwere Arbeit, ständiger Hunger und besonders Seuchen nagten an der Gesundheit des Reitersdorfers, weswegen er zwei Mal mit Halsentzündung und wegen Unterernährung über sieben Wochen lang im Lager-Lazarett Lidjewka verbringen musste. Erst im Mai 1947 wurde Anton Smarzly in die Heimat entlassen, was sich schwer gestaltete, da die Heimat nun unter polnischer Besatzung stand, der deutsche Soldat aber nach Deutschland entlassen werden sollte. So kam es, dass Anton an der oberschlesischen Heimat vorbeifahrend, am 30. Mai 1947 über Frankfurt a. d. Oder kommend, in der sowjetischen Zone im sächsischen Pirna landete, wo er zunächst die Quarantäne und das Umsiedlungslager passieren musste. Trotz des Angebotes des alten Freundes Martin Hauser aus Rondorf/Köln, Anton nach seiner Entlassung in der britischen Besatzungszone bei sich aufzunehmen und trotz Bitten von Maria Kopka, seiner Freundin aus den Vorkriegstagen, zu ihr nach Bayern zu kommen, ließ er sich am 24. Juni 1947 zunächst bei der Familie Willy Jakob in Alt-Chemnitz nieder.
 
Hier bekam er erst mal die Zeit sich darüber Klarheit zu verschaffen, was eigentlich die letzten Jahre geschehen war. Dass seine Heimat Schlesien jetzt unter polnischer Besatzung stand und dass rund vier Millionen deutschsprechende Schlesier aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Jetzt erfuhr er aber auch, dass große Teile der oberschlesischen Bevölkerung, welche neben der deutschen Sprache auch den alten slawischen Poshlonskudialekt beherrschten, zu polnischen Bürgern erklärt wurden und dadurch zunächst in ihrer angestammten Heimat verbleiben durften. Auch Antons Eltern und ein Großteil der Familie waren in der alten Heimat verblieben, in der Hoffnung, dass die polnische Besatzung nur ein kurzes Kapitel der Geschichte darstellen würde und die Wiedereingliederung Schlesiens an Deutschland bald wieder erfolgen müsste.
Anton fand jetzt vor einer inneren Zerreißprobe wieder. Auf der einen Seite stand die Sehnsucht nach der Heimat und seiner Familie, auf der anderen die Liebe zur Maria Kopka, welche sich nach dem Krieg mit ihren Geschwistern aus Oberglogau nach Neuburg a. d. Donau/Bayern geflüchtet hatte. In der einen Waagenschale lag die Hoffnung, die Anton während des ganzen Krieges und der Gefangenschaft gehegt hatte, nämlich sein Leben in Reitersdorf verbringen zu können. In der anderen Wagschale lagen die Briefe der geliebten Maria „...Willkommen im deutschen Heimatland. Doch leider ist es nicht unsere eigene Heimat, die ich dir so gerne gewünscht hätte, aber lassen wir die Hoffnung und den Mut nicht sinken, vielleicht kommen auch für uns wieder gute Tage...“, ein anderer Brief lautete: „...Lieber Toni Du möchtest wissen, wie ich über unsere Heimat denke. Da kann ich dir nur sagen, dass ich nicht im Sinn habe, unter diesen Umständen nach Schlesien zu gehen, weil wir immer der Meinung sind, dass es nicht so bleibt und auch Mutter schrieb mir, wir sollten die Zeit abwarten...“, ein anderes Mal schrieb sie wieder: „... Toni ich will Dich nicht etwa abhalten in die Heimat zu gehen, aber bitte überleg es dir doch ganz genau und sei nicht leichtsinnig, denn herein kommt man aber heraus das ist eine große Frage. Du bist doch jetzt der furchtbaren Gefangenschaft entkommen und stürze dich nicht in neues Unglück...“ 
Die Briefe der Freundin haben zunächst die Waage zugunsten einer Zukunft in Bayern gekippt, Anton entschied sich für Maria. Am 08. Juli 1947 verließ er Chemnitz und begab sich nach Neuburg a. d. Donau. Hier bekam er eine Unterkunft im dortigen Schloss, wo ein Flüchtlingslager eingerichtet worden war. Bald fand er sogar eine Arbeitsstelle als Schlosser in der „Schlosserei Hermann Meyr, Eisen und Metalle, Neuburg a/D“.
Doch während Anton gerade damit begonnen hatte sein Leben neu zu ordnen, erreichte ihn in den ersten Tagen des August 1947 ein Brief seiner Eltern aus Reitersdorf, mit der niederschmetternden Nachricht vom tragischen Tod seiner zweiundzwanzigjährigen Schwester Anna. Sie hatte während der Geburt von Zwillingen am 15. Juni 1947, nach fehlerhafter Behandlung durch eine Hebamme, zunächst eines der Zwillinge verloren und zwei Wochen später ist sie selbst am Wundbrand gestorben. Die Entscheidung stand für Anton fest, er musste jetzt so schnell wie möglich zurück nach Hause gehen.
Um seinem Sohn die Rückkehr in die Heimat zu ermöglichen, sah sich der Vater Johann bereits am 22. Juli 1947 gezwungen die polnische Volks- und Staatsangehörigkeit von den Kreisbehörden anzunehmen. Mit der Todesnachricht der Schwester bekam Anton  daher gleichzeitig die Bescheinigung der polnischen Gemeindeverwaltung von Körnitz, die darüber informierte, dass sein Vater Johann Smarzly am 28. Juli 1947 die polnische Staats- und Volkszugehörigkeit angenommen hatte.  Weiterhin wurde festsgestellt, dass Antoni Zmarz³y kein Mitglied der NSDAP war und auch die nationalsozialistische Bewegung nicht unterstützte, weswegen er auf Rückkehr in die Heimat berechtigt sei. Als am 07. August 1947 die Bescheinigung des Öffentlichen Klägers bei der Spruchkammer In Neuburg a.d.D. erstellt wurde, wonach Anton von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus nicht betroffen sei, stand ihm der Weg in die Heimat offen. Am 26. August 1947 begab er sich auf den Weg nach Schlesien, auf dem noch vor wenigen Monaten Millionen seiner schlesischen Landsleute in entgegengesetzter Richtung, von den polnischen Machthabern vertrieben worden waren. Erst nach einer über zweiwöchigen Reise erreichte Anton am 12. September 1947 sein Elternhaus in Reitersdorf, um es nie wider für längere Zeit zu verlassen. Maria Kopka sollte Anton erst über dreißig Jahre später wieder sehen, als diese ihn mit ihrem Ehemann, Anfang der 1980er Jahre in Reitersdorf besuchte.
 
Zwar brannten noch die Erfahrungen aus der Zeit der Abstimmungskämpfe, und das Gebaren der polnischen Besatzer nach dem Krieg, eine tiefe Abneigung gegen alles was polnisch war in das Bewusstsein unserer Familie, wie auch des Großteils der in der Heimat verbliebenen Oberschlesier. Doch sah man sich mit der Zeit gezwungen, die neue Situation allmählich zu akzeptieren und sich mit der neuankommenden polnischen Bevölkerung zu arrangieren. Die Hoffnung, dass „Deutschland wieder kommt“, lebte jedoch noch über Jahrzehnte nach dem Krieg fort.
 
Zurück in der Heimat versuchte Anton zunächst seine verlorene Jugend nachzuholen. Sein verwitweter Schwager Georg Czerny, der damals noch mit der kleinen Tochter Anna-Elisabeth in Reitersdorf lebte, schrieb im Juni 1949 an Antons Bruder Franz, der inzwischen auch aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und sich in Hagen (Nordrhein-Westfallen) niedergelassen hatte: „...Anton schreibt dir heute nichts, denn er schläft schon den ganzen Nachmittag, muss sich ausschlafen für den Abendstart, denn es wird wo Tanz sein...“. Die Tanzabende von Anton blieben nicht ohne Erfolg. Bald lernte er in Körnitz die resolute siebenundzwanzigjährige Hedwig Sluzallek kennen und lieben. Es schien, als würde die Hoffnung der Eltern, sich entgültig zur Ruhe setzten zu können, nun endlich erfüllt werden. Die alte Hedwig ließt noch 1949 in ihrer bekanten direkten Art an ihren Sohn Franz nach Hagen schreiben „[...] Jetzt noch einige Wünsche von Mutter, sie lässt Euch beide grüßen und fragt, wie lange du dort mit Annchen (Franz lebt bereits mit seiner späteren Ehefrau Anna Keibel zusammen) sitzen willst [...] Ihr geht bloß nicht aus dem Kopf, wer hier wirtschaften soll, ob Du oder Anton und Du sollst machen, dass Du den Auszug baust, denn sie möchte Auszüglerin sein [...]“. Nun sollte es aber doch Anton und nicht sein jüngerer Bruder Franz werden, der die elterliche Stelle übernommen hatte.
Am Dienstag, den 21. März 1950, heirateten Anton Smarsly und Hedwig Sluzallek im Standesamt der Gemeinde Körnitz.
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Hochzeit von Anton un Hedwig am 21. März 1950
(Trauzeugen: Anna Cibis, Bernhard Janik, Elisabeth Sluzallek und Gerhard Janik)
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Durch seine Vermählung mit Hedwig Sluzallek heiratete Anton in eine der ältesten und angesehensten Familien von Körnitz ein. Hedwigs Vater Heinrich Sluzallek und Großvater Johann Pawliczek waren hier über Jahrzehnte Ortsbauernführer, Großonkel Anton Janik hatte das Amt des Kirchvaters (Kirchenvorsteher) inne, ein Urgroßvater, ein UrUrgroßvater und zwei UrUrUrgroßväter von Hedwig waren Scholzen (Gemeindevorsteher) von Körnitz. Die Familie Sluzallek, Hedwigs Vorfahren väterlicherseits, besaß seit fünf Generationen ein Freibauerngut und zwei Wassermühlen in Zellin und Komornik, der Familie ihrer Großmutter väterlicherseits entstammte gar der Weihbischof des Bistums Breslau, Karl Augustin (1847-1919). 
Hedwig war vor allem eine sehr mutige Frau, was sie beispielsweise eindrucksvoll mit der Züchtigung eines sowjetischen Soldaten mit einer Pferdepeitsche bewies, als dieser nach dem Einmarsch der Russen in Körnitz am 19. März 1945 die junge Frau belästigen wollte. Auch beim Aufstand der Körnitzer im Juni 1945, bewies Hedwig Furchtlosigkeit, in dem sie die Nachbarsfrauen und alten Männer des Dorfes zur Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der polnischen Besatzer aufrief, als diese das Dorf zur Plünderung freigegeben hatten. Courage bewies sie aber auch, als sie beim Aufstand mäßigend einwirkte, in dem sie einen der ein Dutzend polnischen Milizionäre vor dem tödlichen Axthieb der entfesselten Wut der Körnitzer bewahrte. Tapfer überstand Hedwig aber auch die einundhalbjährige Zeit von 1946-48 im polnischen Zwangsarbeitslager in Lindenhof bei Neustadt OS, wohin sie mit ihrer jüngeren Schwester Elisabeth verschleppt wurde, weil sich ihre Familie weigerte freiwillig die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Hier, unter brutalsten Bedingungen, ungeschützt vor brütender Sommerhitze und vor klirrender Winterkälte, gepeinigt von brutalen Wachleuten und immer hungernd die schwerste körperliche Arbeit verrichtend, verlor Hedwig zwar nicht ihren Willen, aber für immer ihre Gesundheit. Sicher gehörte letztlich auch Mut dazu, sich über die Standesschranken, die Mitte des 20. Jahrhunderts in unserer Heimat noch deutlich zu spüren waren, und gegen die Bedenken einzelner Familienmitglieder hinwegzusetzen, und als Tochter einer der angesehensten und ältesten Bauernfamilien von Körnitz, den Sohn eines Häuslers zu ehelichen.
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 Hedwig und Anton Smarzly.
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Anton und Hedwig bauten sich bald das Dachgeschoss des elterlichen Hauses als Wohnung aus. Anton verwirklichte jetzt auch die Pläne der Ausgestaltung des elterlichen Hauses, der Gärten und des gesamten Anwesens. Seine Pläne, die bis heute überdauert haben, hatte er bereits während der russischen Kriegsgefangenschaft mit Bleistift auf groben Papier gezeichnet. 1951 und 1952 kam mit dem Sohn Johann und der Tochter Maria der ersehnte Nachwuchs auf die Welt. Bald fand Anton auch Beschäftigung als Schlosser beim Städtischen Betrieb für Bauarbeiten in Oberglogau (MPRB), wo er von 1953 bis 1957 arbeitete.
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Anton mit seinem erstgeborenen Sohn Johann III. im Jahr 1951.
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1954 wurde der frühere Schwager von Anton, Georg Czerny, von polnischen Milizen derart misshandelt, dass er am 08. Dezember mit 33 Jahren starb. Er hinterließ seine zweite Ehefrau mit zwei Kindern und der nun siebenjährigen Vollwaisen Anna-Elisabeth. Das Mädchen kam nun wieder zurück nach Reitersdorf, wo es von den Großeltern, Onkel Anton und Tante Hedwig, zusammen mit den beiden Cousins Johann und Maria erzogen wurde.
 
Eine große Freude und Abwechslung in Reitersdorf brachte der Besuch von Franz Smarzly im Sommer des Jahres 1956, als dieser zum ersten Mal seit dem Krieg, der Kriegsgefangenschaft und dem Neuanfang in Hagen, mit seiner Ehefrau Anna sein Elternhaus besuchte. Franz hatte inzwischen Anna Keibel, selbst ein Vertriebenenkind aus dem ostpreußischen Bartenstein, geheiratet und in Hagen, wo er bald ein eigenes Haus erbaute, eine neue Heimat gefunden. Hier fand Franz bei der Baufirma Spieske Arbeit als Baumeister und wurde bald rechte Hand des Firmeninhabers. In Hagen kamen auch seine beiden Söhne Peter (1958) und Martin (1960) auf die Welt. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau Anna im Jahre 1963, heiratete Franz bald ihre jüngere Schwester Elisabeth, mit der er bis zu seinem Tode am 07. Mai 1991 lebte.
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Familie SMARZLY im Jahre 1956 in Reitersdorf.
obere Reihe: Anna Smarzly geb. Keibel (Ehefrau von Franz S.), Franz Smarzly,
Anton Smarzly, Hedwig Smarzly geb. Sluzallek
untere Reihe: Anna Elisabeth Czerny (Tochter der verstorbenen Anna Czerny geb. Smarzly),
Hedwig Smarzly geb. Moritz, Maria Smarzly (Tochter von Anton), Johann Smarzly und 
Johann Peter Smarzly (Sohn von Anton).
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Bald nach der Abreise von Franz und Anna aus Reitersdorf türmten sich dunkle Wolken über unserer Familie. Im April 1958 starb zunächst der greise Vater Johann Smarzly und bald erkrankte Antons Frau Hedwig am Lungenkrebs. Lange und sämtliche Kräfte verzehrend, nagte diese elende Krankheit an Hedwig. Wenige Monate vor ihrem Tod schrieb sie noch an ihren früheren Lehrer und guten Freund der Familie, den ehemaligen Körnitzer Hauptlehrer Frost „[...] und was kann ich dafür, wenn mich Gott mit so einer Krankheit heimsucht. Wie gerne würde ich arbeiten, wenn ich nicht kann geht es eben nicht. Ich bin so schrecklich runtergekommen, bei meiner Größe wiege ich nur 80 Pfund. Können Sie sich vorstellen wie ich aussehe, gerade wie ein Wäschepfahl. Aber Geist habe ich noch, darüber wundern sich alle [...]“ 
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Hedwig Smarzly geb. Sluzallek (hier hereits gezeichnet von ihrer schweren Krankheit)
mit ihren Kindern Johann und Maria.
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Die alte Hedwig Smarzly geb. Moritz, die sich nicht lange ihres Ruhestandes erfreuen konnte, musste sich nun wieder um die Bewirtschaftung des Hauses und die Erziehung der Enkel Anna-Elisabeth, Johann und Maria kümmern. Die erkrankte junge Hedwig musste bald ins Krankenhaus nach Slawentzitz gebracht werden. Die Kinder wurden daraufhin gegen den ausrdücklichen Willen des Vaters von den polnischen Kreisbehörden, unter dem Vorwand der Quarantäne, in verschiedene Waisenhäuser eingewiesen, um "polonisiert" zu werden. Ihre Mutter sahen sie nie wieder. Voller Hoffnung und sogar noch über die Zukunft Schlesiens nachsinnend, wie aus einem Brief an den Hauptlehrer Frost wenige Monate vor ihrem Tod hervorgeht „[...] was wird uns das Jahr 1960 bringen. Ich verspreche mir viel. Andere wieder nicht. Es wäre wirklich schon an der Zeit, dass uns ein anderer Wind um die Ohren blies... Es nähert sich wieder der 19. März (am 19.03.1945 ist die sowjetische Armee in Körnitz einmarschiert), der Schreckenstag und das Begräbnis von uns Allen [...]“ starb Hedwig Smarzly geb. Sluzallek, ausgezehrt von ihrer Krankheit am 10. November 1960. Die im Alter von siebenunddreißig Jahren, im Krankenhaus in Slawentzitz verstorbene Hedwig wurde auf dem Friedhof in Körnitz, unweit des Grabes ihres Schwiegervaters Johann, beigesetzt.
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Maria Smarzly (*1952), Annelies Czerny (*1947)
und Johann Smarzly (*1951).
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Anton, der alle Mittel einsetzte, um seine Kinder und die Nichte Annelies wieder aus den Waisenhäusern nach Hause zurückzubringen, musste zusehen, dass er den Kindern baldmöglichst eine neue Mutter geben würde. Er fand mit der dreizehn Jahre jüngeren Maria Lyko aus Körnitz nicht nur eine fürsorgende Mutter sondern auch eine gute Ehefrau. Am Montag, den 17. April 1961, heiratete der einundvierzigjährige Anton  die achtundzwanzigjährige Maria Lyko in der katholische Kirche in Körnitz. Maria war die Tochter des Häuslers und Kutschers im verstaatlichten Körnitzer Dominium Johann Lyko und Enkelin des letzten Verwalters des reichsgräflich-oppersdorffschen Gutsbesitzes in Neukuttendorf, Johann Theodor Bradel,
In den nächsten vier Jahren kamen zwei weitere Söhne Norbert (1962) und Joachim (1964) und die Tochter Elisabeth (1965) auf die Welt. Nachdem sich Anton bereits 1957 selbstständig gemacht hatte und auf seinen Anwesen in Reitersdorf eine Schlosserwerkstatt und eine Dreherwerkbank eingerichtet hatte, fand die Familie bis 1972 das Auskommen vor allem aus dem Schlosserbetrieb, ergänzt wurde der Lebensunterhalt durch die Bewirtschaftung der 3,6 Hektar großen Landwirtschaft. Über Jahrzehnte bereicherte Anton mit seiner tiefen und kräftigen Stimme die Gesangsauftritte der Körnitzer Kirchenchores, welches vom Organisten Gregarek geleitet wurde. Von 1972 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1982 war Anton im staatlichen Kooperativen-Landwirtschaftsbetrieb in Körnitz (SKR) als Schlosser eingestellt. In seiner Existenz als Rentner ab 1982 führte Anton bis zuletzt die kleine Landwirtschaft weiter, unterstützt von der Ehefrau Maria und dem unverheiratet gebliebenen jüngsten Sohn Joachim. Am Ort verblieb auch der Sohn Norbert, der nach seiner Eheschließung im Jahre 1988 mit Maria Pietruschka aus dem benachbartem Komornik, ein Haus in Reitersdorf erwarb und mit seiner Ehefrau und den beiden Söhnen Peter und Michael, unweit des elterlichen Hauses in Reitersdorf bis heute lebt. Die beiden Töchter Maria und Elisabeth, der älteste Sohn Johann und die Nichte Anna-Elisabeth haben währenddessen Schlesien verlassen und leben mit ihren Familien in Rheinland-Pfalz bzw. Nordrhein-Westfallen.
Nach der politischen Wende in Polen im Jahre 1989, bekundete Anton als einer der ersten öffentlich seine deutsche Volkszugehörigkeit und wurde neben weiteren 300.000 schlesischen Landsleuten Mitglied des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen.
Er blieb bis ins hohe Alter sehr rüstig. Noch im Alter von sechsundsiebzig Jahren scheute er sich nicht vor einer Grundrenovierung der alten Dorfglocke und des ca. 10 m hohen Glockenturmes, für die sich die Familie seit drei Generationen verantwortlich fühlte. Als Anton ein Jahr später in der Badewanne ausrutschte, sich einen schweren Beckenbruch zuzog und zunächst mehrere Monate ans Bett gefesselt blieb, glaubte niemand mehr, dass der alte Mann noch mal aus dem Bett aufstehen würde. Um so erstaunter war man, als er nur wenige Monate später auf einen Gehstock oder gar Krücken verzichtend, wieder seinen gewohnten Arbeiten auf der kleinen Landwirtschaft nachgehen konnte.
Bis zum Ende des Lebens vergaß Anton jedoch auch die schwere Zeit seiner Jugend nicht, aber auch nicht diejenigen, die ihm einst geholfen hatten. Einer seiner letzten Wünsche war es, der katholischen Kirche in Chemnitz für eine erwiesene Hilfe während seines Aufenthaltes dort nach seiner Entlassung aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft im Jahre 1947, eine größere Geldspende zukommen zu lassen. Nur wenige Wochen nach der Erfüllung seines Wunsches musste Anton am Samstagnachmittag des 26. März 2000, mit Herzbeschwerden plötzlich in das Stadtkrankenhaus nach Oberglogau gebracht werden. Wenige Stunden später starb er dort an Herzversagen, keine zwei Monate vor seinem achtzigsten Geburtstag. Sein Leichnam wurde noch einmal in sein Geburtshaus, nach dem er sich während seiner langen Abwesenheit in der abenteuerlichen Jugendzeit so sehr gesehnt hatte, gebracht. Dort wurde er noch vier Tage aufgebahrt, bis er am 30. März 2000 auf dem Körnitzer Friedhof beigesetzt wurde.
Seinem Wunsch entsprechend erscheint auf dem Grabstein, auf dem auch seiner vierzig Jahre zuvor verstorbenen ersten Ehefrau Hedwig gedacht wird, nicht sein polnischer Name Antoni Zmarz³y, sondern derjenige, welchen er seit seiner Geburt selbst bevorzugte: Anton Smarsly.
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Die männlichen Nachkommen von Anton Smarzly in Oberglogau im Februar 2003.
Von links nach rechts: die Söhne Johann III, Norbert und Joachim,
dann die Enkel Andreas III, Peter und Michael
und vorne der Urenkel und Stammhalter Johann IV. Pascal. 
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